Als gebürtige Bayerin ist die Liebe zum Bier natürlich Teil meiner DNA. Allein deshalb habe ich grosses Interesse daran, bis ans Ende meiner Tage ein schönes kühles Bier trinken zu können – gern auch alkoholfrei.
Statistisch geschehen, dürfte ich noch ca. 30 Jahre auf diesem schönen Planeten leben. Wir blicken also ungefähr ins Jahr 2055 und das bedeutet: Wenn wir dann noch ein kaltes Bier genießen wollen, müssen wir jetzt handeln. Und das auch noch konsequent.
Warum das denn? Nun, Hopfen als essentieller Bestandteil von Bier (Reinheitsgebot!) wächst ursprünglich in Auwäldern, also in sumpfigen und feuchten Wäldern. Er braucht Wasser. Viel Wasser. Der Hopfen auf meinem Balkon bestätigt das eindrücklich. Ein wirklich durstiger Kerl. Europaweite Dürren wird er nicht mögen. Definitiv nicht. Wenn es heiß ist, ich eine Woche weg bin und der nachbarschaftliche Gießdienst seinen Wasserbedarf stark unterschätzt, dann begrüßt er mich mit komplett vertrockneten Blättern. Ein Bild des Jammers. Immerhin hat er nach fürsorglichen Wassergaben und gutem Zureden überlebt. Puh.
Nun ist es zwar noch nicht so weit, dass ich mein Bier in der Badewanne braue. Bislang übe ich mich nur darin, meinen Balkonkameraden am Leben zu erhalten. In gewisser Weise trainiere ich dadurch wichtige Future Skills. Denn ich mag, wie er sich an meinem Balkon entlang rankt. Ich finde das idyllisch. Was ich auch idyllisch finde: Mir vorzustellen, wie ich 2055 etwas Leckeres zu meinem Bier esse, vielleicht einen Salat.
Einen Moment! Da wir gerade von Salat sprechen: Hier kommt meine absolute Empfehlung: Baut Salat auf dem Fensterbrett an! Es macht wirklich Freude, ihm beim Wachsen zuzusehen und noch mehr, ihn frisch geerntet zu verzehren. Hoch leben Forellenschluss und Batavia!
Doch als Bewohner*innen dieses wundervollen Planeten sind wir aufgefordert, mehr zu tun, nämlich als gesamte Gesellschaft zu einer nachhaltigen und mehr noch : zu einer regenerativen Lebensweise zu finden.
Im Grunde wissen wir das auch. Theoretisch zumindest. Im wirklichen Leben mangelt es noch an der Umsetzung der notwendigen und eigentlich bekannten Massnahmen. Stattdessen sind wir eifrig damit beschäftigt, die Konsequenzen der Klimakrise zu ignorieren oder zumindest zu bagatellisieren.
Es ist also kein Wunder, dass wir die 1,5 Grad Grenze bereits überschritten haben, obwohl wir das Klimaschutzabkommen von Paris unterschrieben haben. Wie konnte das passieren? Ein Teil der Antwort ist meiner Einschätzung nach, dass die 1,5 Grad in den Medien meist nicht als Grenze benannt wird, sondern als Ziel. Anscheinend sind wir so kapitalismusaffin, dass wir „1,5 Grad“ so verstehen, als wäre es etwas, dass wir erreichen wollen. So als würde es sich um einen neuen Deal mit China oder den Gewinn des nächsten Eurovision Song Contest handeln.
Es ist allerdings kein Ziel, sondern ein Limit. Sowas wie die Grenze zu Nordkorea oder Russland. Einmal überschritten, gibt es für Menschen die die Freiheit lieben, keinen Weg zurück. Das Überschreiten dieser Schwelle kann früher oder später tödlich sein, man denke nur an den Fall Navalny.
Wenn wir schon über Freiheit sprechen, lasst uns über unsere Vorstellung von Freiheit sprechen: Freiheit wird oft missinterpretiert als die Möglichkeit, ohne Tempolimit mit einem Porsche durch die Gegend zu rasen, oder mit dem Privatjet zum Oktoberfest zu fliegen. Das ist jetzt nicht der einzige Grund, warum ich das Oktoberfest nicht mag. Zum Super Bowl 2024 landeten lt. CNN übrigens 1.000 Privatjets in Las Vegas – das nur am Rande.
Was ich sagen will: Wir folgen einer verqueren Idee von Freiheit, ohne zu realisieren, wo unsere Freiheit wirklich wirklich gefährdet ist. Wir verhalten uns wie Eroberer auf einem Planeten ohne natürliche Grenzen. Dabei sind die Fakten klar: Wir haben bereits sechs sieben von neun planetarischen Grenzen überschritten und wir befinden uns nicht in einem Bowling-Wettbewerb: „Alle Neune“ kann ja nicht ernsthaft unser Ziel (huch, da ist es wieder!) sein.
Es ist also kein Wunder, dass besonders rigorose Zeitgenossen fordern „Eat the rich“. Was sich allerdings nur sehr schlecht mit einem der größten Trends unserer Zeit vereinbaren lässt: „Go vegan“.
Nun, wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus? Vielleicht wäre es ein veganerer Weg, die Reichen angemessen zu besteuern. Das könnte nicht nur die exorbitanten Emissionen der Superreichen reduzieren (2026 hatte das reichste Prozent der Weltbevölkerung sein Emissionsbudget bereits am 10. Januar ausgeschöpft). „Tax the rich“ könnte da schon einen signifikanten Effekt haben. Die so gewonnenen Einnahmen würden uns auch helfen, unsere Gesellschaften nachhaltig zu transformieren. Eine klassische Win-Win-Situation also und dazu noch ein echter Beitrag zum Erhalt unserer Freiheit – nicht nur, um ein kühles Bier genießen zu können.
Solche Maßnahmen könnten ein echter Turbo zusätzlich zu unseren individuellen Anstrengungen werden. Um es klar zu sagen: Natürlich macht es Sinn, in unseren persönlichen Kontexten auf Nachhaltigkeit zu achten (ja, wir sind viele) und es ist auch vernünftig, die persönliche Zukunftsfähigkeit zu trainieren. Nur wird das alleine nicht reichen, um meinen Hopfen und den Salat zu retten und – es tut mir leid, das sagen zu müssen: Kaffee, Schokolade und Wein auch nicht. Schluck!
Wir sind also aufgefordert (ja, alles muss man selber machen) mehr zu tun, als den eigenen Konsum nachhaltig zu gestalten. Jetzt geht es darum, die Kräfte zu bündeln, eine wirksame „Lobby für die Erde“ zu formen und uns gegenseitig zu unterstützen. Denn es wird herausfordernd, zum Beispiel, wenn es darum geht, Jobs in Industrien zu kündigen, die unseren Planeten zerstören oder so mutig zu sein, Personen zu wählen, die wirklich im Sinne der Nachhaltigkeit handeln und sie auch zur Rechenschaft zu ziehen, wenn sie das nicht tun.
Lasst uns Banden bilden und den Planeten und den Hopfen retten, so dass wir 2055 alle ein kaltes Bier genießen können und ich weiter meinem Hopfen beim Wachsen zusehen kann. Denn wenn es im gut geht, wächst er um 30 cm. Am Tag!
Cheers!
(Dieser Beitrag entstand ursprünglich im Rahmen des Sustainable Stand Up Course bei Belina Raffy #highlyrecommend. Hier die leicht überarbeitete und aktualisierte Fassung. Das Video von der aufgeregten Karin ist mir leider zu peinlich, um es hier zu verlinken.)





